Wie funktioniert ein Theater?

Wie entsteht ein Stück?

Kann man davon leben?

Der folgende Text ist eine Antwort auf einen Brief von SchülerInnen einer sechsten Klasse des Gymnasiums Auerbach im Vogtland.

Liebe Freunde von Snow White!

Über Eure Briefe und die vielen Zeichnungen habe ich mich sehr gefreut. Es macht mich jedes mal glücklich, wenn von meinem Auftritt etwas mehr übrigbleibt, als "nur" die Erinnerung an eine unterhaltsame Englischstunde. Ihr habt mir gezeigt, dass die Theatervorstellung bei Euch eine große Kreativität freigesetzt hat. Ihr habt meine Arbeit als Anstoß und Anregung benutzt - das ist großartig.

Ihr wisst ja bereits, dass ich als Solist auf der Bühne arbeite. Ich leite auch den Theaterbetrieb, erledige die Büroarbeit, mache das Werbekonzept, die Organisation der Tourneen und die Vorbereitungen für die neuen Projekte.

Da waren noch weitere Fragen gestellt, die ich gerne beantworten möchte:

Meinen Beruf übe ich seit über 25 Jahren aus. Das Stück Schneewittchen war meine erste Soloproduktion und hat in der deutschen Fassung schon einige Jahre auf dem Buckel. Anlässlich einer USA-Tournee hat mein amerikanischer Kollege Eric Bass das Stück ins Englische übersetzt. So habe ich für amerikanische Kinder in deren Muttersprache gespielt. Es ist einem Zufall zu verdanken, dass diese Inszenierung in den Englischunterricht einer Berliner Schule geraten ist. Alle waren so begeistert, dass ich mich ermutigt sah, das Stück als lebendige Englischstunde für die Schulen anzubieten. Das war etwa vor acht Jahren. Mittlerweile ist der Erfolg so groß, dass ich fast ausschließlich in englischer Sprache auftrete.

Es gibt aber auch Abendstücke für Erwachsenenpublikum. So spiele ich gemeinsam mit drei Kollegen aus anderen Theatern eine Geschichte aus dem japanischen Kulturkreis - Die Liebe einer Schlange. Damit sind wir im Oktober 1999 sogar in Japan aufgetreten. Zur Zeit arbeite ich an zwei neuen englischsprachigen Projekten. Das ist zum Einen Coriolanus nach Shakespeare für die fortgeschrittenen Schüler. Und zum Anderen wird es bald für die Englischanfänger eine Neuinszenierung geben, angeregt durch eine Geschichte von H.C. Andersen - "Die Schneekönigin". Das Stück wird bei mir ICE heißen.

Meine Stücke schreibe ich meist selbst, oder ich bearbeite literarische Vorlagen. Auch das Bühnenbild und die Figuren entstehen in der eigenen Werkstatt, denn ich betätige mich auch als Bühnenbildner und Figurengestalter. Ich schweiße die Bühnenkonstruktion und nähe auch die Stoffbahnen zusammen. So wird ein Stück über mehrere Jahre vorbereitet. Dann beginnt die eigentliche Inszenierungsarbeit. Jetzt ist Teamwork nötig. Ein Regisseur kommt dazu, ein technischer Mitarbeiter und im Bedarfsfall ein Musiker oder Komponist. Dieser Prozess kann wiederum mehre Monate in Anspruch nehmen. Das Ergebnis soll so aussehen, dass ich mit dem Stück als Solodarsteller (bei Bedarf unterstützt durch einen Techniker) auf Tournee gehen kann.
Ihr solltet auch noch wissen, dass alle Geldmittel die nötig sind, um die Existenz und den Fortbestand des Theaters sicherzustellen, durch Eurer Eintrittsgeld erbracht werden. Die Haushaltssituation des Berliner Senats ist seit Jahren sehr schlecht, und für so kleine Theater wie meines stehen keine Fördermittel oder Subventionen mehr zur Verfügung.

So, habt Ihr einen kleinen Einblick in meine Arbeit gewinnen können? Es ist ein anstrengender, aber auch ein äußerst abwechslungsreicher Beruf. Und er ermöglicht mir, auf angenehme Weise meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Zu dem ist er sinnvoll und bereitet mir großen Spaß. Eure Briefaktion ist dafür eine wunderbare Bestätigung, und ich danke Euch sehr .

Beim Erlernen der englischen Sprache wünsche ich Euch viel Freude, Ausdauer und Zuversicht.

Liebe Grüße Reiner Anding

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